Artikel 2011
Wie die Stasi mich entführen wollte PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Montag, den 01. August 2011 um 22:42 Uhr

Auch nach dem Mauerbau hat das MfS Kidnapping als politisches Kampfmittel eingesetzt


Vor dem Mauerbau, also von 1950 bis 1961, hat das MfS nach Schätzungen 600 bis 1000 Menschen im Westen entführen lassen. Bei dem Opfern handelte es sich vor allem um Überläufer aus SED, Volkspolizei, NVA und dem MfS selbst. Zu den bekanntesten Opfern zählen der einstige Gewerkschaftsjournalist und Ost-Berliner SED-Funktionär Heinz Brandt, der 1958 in den Westen geflohen war und kurz vor dem Mauerbau 1961 entführt wurde, sowie der ebenfalls aus der DDR stammende Journalist und Autor Karl-Wilhelm Fricke, der 1955 gekidnappt wurde. Beide haben mehrere Jahre im Zuchthaus gesessen, bevor sie von der Bundesregierung freigekauft werden konnten. Weniger bekannt ist, dass die Stasi auch nach  dem Mauerbau Kidnapping noch längere Zeit als politisches Kampfmittel benutzt hat.
In meinem Fall ist die Hartnäckigkeit auffallend, mit der die  Hauptabteilung I (Abwehrarbeit in NVA und Grenztruppen) von 1962 bis 1970  versuchte, mich in ihre Gewalt zu bekommen. Wie aus den Akten hervorgeht lautete der Befehl: „Operative Bearbeitung des Mara mit dem Ziel seiner Inhaftierung“.
Nach dem Mauerbau war ich als Grenzsoldat rekrutiert worden und bald darauf in Uniform und mit Waffe nach Berlin-Wannsee geflüchtet. Nicht die Fahnenflucht an sich war, wie aus den Unterlagen hervorgeht, der Grund für verschiedene Entführungspläne, sondern die Tatsache, dass ich in West-Berlin Vorträge an Schulen über die Grenztruppen und den Ausbau der Mauer hielt, die Ausstellung am Checkpoint Charlie mit aufbaute, und als Journalist Artikel und Analysen über das Grenzsystem der DDR publizierte. Für die Stasi waren das „staatsfeindliche Handlungen“, die akribisch erfasst wurden. 
Einen ersten konkreten Entführungsplan gab es 1963: Da ich öfter den Ausbau der Grenzanlagen an meinem Fluchtort im Südwesten Berlins in Augenschein nahm und darüber unter anderem im SFB berichtete, fasste die Stasi den Plan, mich beim Auftauchen an der Grenze in einen Hinterhalt zu locken und festzunehmen. Ich hatte wohl bemerkt, dass mein Erscheinen an der Grenze jedes mal hektische Aktivitäten auslöste: Meine ehemaligen Kameraden telefonierten, Offiziere rasten in einem Jeep heran und gaben Befehle, es wurden Fotos von mir und meinem Auto gemacht. Einer meiner früheren Offiziere rief mir einmal zu: „Wir kriegen Dich Verräter noch!“. Als junger Spund ist man sorglos und ich fühlte mich trotz einer ominösen Tür im Grenzzaun sicher. Doch ein Redaktionsleiter des SFB warnte mich damals eindringlich und hielt mich von weiteren Besuchen am Ort meiner Flucht ab.
Die Stasi, die mich nach den Akten ständig überwachte, gab die Entführungspläne nicht auf. 1966 stellte sie in einem Bericht fest, dass das Ziel, mich in die DDR zu bekommen, noch nicht realisiert werden konnte, weil keine Personen festgestellt worden seien, „über die eine zielstrebige Bearbeitung des Mara“ hätte erfolgen können. Mit anderen Worten: Man suchte jemanden, der mich in eine Falle locken sollte.
1967 meldete dann die Bezirksverwaltung Leipzig des MfS der Hauptabteilung I in Berlin stolz, dass sie über den  IM  „Bettembourg“ verfüge, der „zum Freundeskreis des Mara“ gehöre. Das war zwar übertrieben. Der Stasi-Spitzel hatte mich im Mauermuseum am Checkpoint Charlie angesprochen, sich als Kollege von „Radio Luxemburg“ ausgegeben und immer wieder den Kontakt zu mir gesucht. Er stammte aus der DDR, seine Eltern lebten dort.  
In einer Einschätzung wird der damals 25-jährige so beschrieben: Zuverlässig, durchschnittlicher Intellekt, naiv, robust.
Die Hauptabteilung I witterte Morgenluft und ordnete an, den IM als Lockvogel zur „Habhaftwerdung des Mara durch Anwendung spezieller Mittel“ einzusetzen, wie das geplante Kidnapping im Stasi-deutsch umschrieben wurde. In einem „Sachstandsbericht“ der „Hauptabteilung I Abt. Koordinierung“ vom 21.Februar 1968 wird auf Seite 6 folgendes Entführungs-Szenario dargestellt: „Mit Hilfe des IM der BV-Leipzig wird Mara an einem bestimmten Ort den Kräften des Referates 1/V zugeführt. Von hier erfolgt die Schleusung des M. in die Hauptstadt der DDR. Mara wird in einer Gaststätte betrunken gemacht durch den IM… und anschließend durch Kräfte des Referates I/V übernommen und mit Pkw geschleust“. Eine Variante sah vor,  mich im Bahnhof Friedrichstraße bei einer Durchfahrt mit der S-Bahn von West nach West (was damals ohne Kontrolle möglich war) fesnehmen zu lassen -  von als Grenzposten verkleideten Stasi-Trupps. Den Tipp sollte „Bettembourg“ liefern. 
Aber diese Variante erschien der Stasi offenbar nicht besonders Erfolg versprechend. So wurde im Laufe des Frühjahrs 1968 der Plan mit preußischer Gründlichkeit  konkretisiert, mich in einer Gaststätte betrunken zu machen und dann nach Ost-Berlin zu schaffen. Die größten Probleme bereitete es dem MfS paradoxerweise, eine geeignete Gaststätte in der Nähe meiner damaligen Wohnung in der Helmstedter Straße zu finden, was nicht verwunderlich ist angesichts der merkwürdigen Kriterien, die ein Hauptmann Hackenschmidt aus dem Entführungs-Referat V am 21. März 1968 aufstellte:
„1. Die Gaststätte soll für auswärtige Besucher einen einladenden Eindruck machen. 2. Es muss beachtet werden, dass in der Gaststätte an Sonntagen Tanzveranstaltungen stattfinden. 3. Das Preisniveau soll nicht zu hoch liegen. 4. Es müssen Voraussetzungen für eine Beobachtung  (Außenbeobachtung) der Gaststätte gegeben sein. 5. Über Besonderheiten der Gaststätte und 2-3  Bedienungskräfte sind genaue Beschreibungen zu erarbeiten.“
In einem längeren Sachstandsbericht vom 29. März 1968 stellen die von der Stasi entsandten Aufklärer lapidar fest: „In dieser Gegend ist es sehr schwierig eine Gaststätte zu finden, welche allen geforderten Ansprüchen gerecht wird.“ Die Entführung in einer Bar im Erdgeschoss meines damaligen Wohnhaus zu inszenieren, erschien der Stasi zu gewagt. Der Kneipier oder Hausbewohner hätten den Vorgang beobachten können. Deshalb sollte  die Operation in der Gaststätte „Dortmunder Hansa Faß“ in der Nähe des Prager Platzes stattfinden. Sonntags fand dort zwar kein Tanz statt, aber immerhin machte die Gaststätte nach dem Bericht der „Aufklärer“ einen einladenden Eindruck und das Preisniveau war auch nicht zu hoch.
Am 28. Mai kommt die Kidnapping-Abteilung des MfS in einem längeren Sachstandsbericht zu dem Schluss, dass der Entführungs-Plan „im Moment günstige Voraussetzungen zu seiner Realisierung“ biete. Der Ablauf der Operation wird auf sechs Seiten detailliert festgelegt. In Kurzform: der Lockvogel ruft mich abends an und bittet mich, auf ein Bier in die Kneipe zu kommen. Er lässt mich „viel erzählen“, animiert mich „zum übermäßigen Alkoholgenuss“,  schüttet mir während eines Gangs zur Toilette k.o.-Tropfen ins Bier. Wenn ich nicht mehr Herr meiner Sinne bin, schleppt er mich zur Tür, wo ihm drei scheinbar zufällig vorbei laufende junge Männer freundlich zu Hilfe kommen.
In Wirklichkeit handelt es sich um die speziell ausgebildete dreiköpfige Schleusergruppe „Fahnenfluchten“, Leitung der der GME (Geheime Mitarbeiter für Westeinsätze) „Helmut Jacob“. Ein weiterer dreiköpfiger Trupp, „Leitung GM/E Horst Hohmann“, sichert die ganze Aktion. Beide Trupps wurden auf alle Eventualitäten vorbereitet: Komme es bei der  Entführung zu Störungen, werde „die Aktion als eine Prügelei legendiert“, heißt es im Plan. Auch Fahrtroute und Grenzübergang sind festgelegt: Keiner der innerstädtischen Übergänge, wo es mehr Beobachter gegeben hätte, sondern Dreilinden.   
Die Entführung wurde mehrmals verschoben, weil der IM „Bettembourg“ laut einer Einschätzung vom 6. Juni „nicht zielstrebig  um die Herstellung einer Verbindung zu dem M. kämpfte“. Nach einer „intensiven Bearbeitung“ des IM sollte sie schließlich endgültig am Abend des 19. Juni über die Bühne gehen.
„Bettembourg“,  war genau instruiert. Nach der Aktion soll er in seine West-Berliner Wohnung zurückkehren, aber am nächsten Tag in Ost-Berlin erscheinen, wo die Stasi über seinen weiteren Einsatz im Westen  entscheiden wollte.
Ich kann mich noch genau an seinen Anruf erinnern: Er bettelte förmlich, dass ich ins „Fass“ kommen solle. Natürlich habe ich nicht im Entferntesten an eine Entführung gedacht. Es war eher ein diffuses Bauchgefühl, das mich davon abhielt, die Einladung anzunehmen. Eine halbe  Stunde später rief er noch mal an und wollte bei mir zu Hause vorbei kommen, weil er nur noch einen Tag in Berlin sei. Der „Plan B“ -  doch auch darauf ging ich nicht ein.
So platzte meine mit großem Aufwand vorbereitete Entführung wegen eines Bauchgefühls,  die  Kidnapper-Trupps  mussten unverrichteter Dinge nach Ost-Berlin zurückkehren.
Die Stasi machte für die gescheiterte Entführung „Bettembourg“  verantwortlich, weil dieser keinen engeren Kontakt zu mir herstellen konnte. In einem Bericht vom 1. August 1968 zieht das MfS die Konsequenz: „Bettembourg wird nicht mehr einbezogen.“ Der Entführungsplan wird aber nicht aufgegeben. Ein Jahr später, am 21. Mai 1969, gesteht die Stasi in einem Abschlussbericht ein:„Die Entführung ist nicht erfolgreich zu realisieren.“
Es hatte sich kein geeigneter Lockvogel gefunden.
Ein Kurswechsel beim Kidnapping zeichnete sich erst Ende 1970 ab: Die „Inhaftierung“ des Mara, der in West-Berlin journalistisch tätig sei, durch „unser Organ“ würde zuviel Staub aufwirbeln und der Politik von Partei und Regierung Schaden zufügen, heißt es in einem Bericht.  Die Kidnapping-Pläne waren damit passe.

 
Tausende Grenzwächter flüchteten

Stasi konstatierte eine „wachsende Gesellschaftsgefährlichkeit“


Einst hochrangige Offiziere der NVA spielen das Thema auch heute noch herunter: Fahnenflucht gebe es doch in jeder Armee der Welt. Das ist richtig, dennoch kann als sicher gelten: In keiner Armee Europas und wahrscheinlich auch darüber hinaus sind in Friedenszeiten so viele Soldaten und Offiziere desertiert wie in den „bewaffneten Organen“ der DDR.
Es gibt keine offizielle Statistik über die Gesamtzahl der Fahnenflüchtigen, was auch damit zusammen hängt, dass das Thema in der DDR tabu war. Doch sollen nach westlichen Schätzungen  vom Zeitpunkt der Gründung des „Arbeiter- und Bauern-Staates“ 1949 bis zum Mauerbau weit über 20 000 Angehörige „bewaffneter Organe“ und insbesondere der Grenzpolizei und späteren Grenztruppen die Seiten gewechselt haben.
Aber auch nach dem 13. August 1961 bis zum Ende der DDR sind viele Angehörige der NVA und vor allem der Grenztruppen in den Westen geflohen, oft unter Lebensgefahr. Besonders groß war die Zahl der Deserteure in den Monaten nach dem Bau der Mauer. In einer Information für den Nationalen Verteidigungsrat zum politisch-moralischen Zustand der Grenztruppen aus dem Jahr 1963 wird die Flucht Hunderter Grenzwächter als „ernstes Signal“ gewertet. Danach haben 1962, also im Jahr nach dem Mauerbau, rund 600 Soldaten die Seiten gewechselt, im ersten Halbjahr 1963 waren es immerhin noch 158. Erst 1968 sollen erstmals weniger als 100 Grenzer im Jahr geflüchtet sein.
Auch das ist noch eine beachtliche Zahl, denn die Grenzsperren mit Minenfeldern und Selbstschussanlagen wurden zügig so ausgebaut, dass sie eigentlich unüberwindbar waren. Parallel wurde das Überwachungssystem innerhalb der Grenztruppen perfektioniert. Die Stasi hatte ihre Spione in jeder Einheit, sogenannte „unsichere Kantonisten“ wurden umgesetzt.  Außerdem ging man dazu über, ältere und verheiratete Soldaten als Mauerwächter einzusetzen, weil sie als weniger „fluchtanfällig“ als ungebundene junge Männer galten.
Dass das MfS intensiv nach Gegenstrategien gesucht hat, geht aus dem Tagesspiegel vorliegenden Dokumenten hervor. Anfang 1973 erarbeitete die Hauptabteilung I Äußere Abwehr„erstmals eine analytische Bewertung“ der Entwicklungstendenzen bei den Fahnenfluchten und der Konsequenzen daraus, denn: „Ausgehend  von der Tatsache, dass im Zeitraum von Januar 1969 bis Dezember 1972 insgesamt 220 NVA-Angehörige aller Waffengattungen, besonders aber Angehörige der NVA-Grenze fahnenflüchtig wurden, kann man ermessen, in welchem Maße die politisch-ideologische Diversion innerhalb der NVA wirksam ist und wie hoch der Umfang des Verrats gegenüber imperialistischen Geheimdiensten sein muss.“
Das MfS versuchte auf zwei Wegen  gegenzusteuern: Zum einen durch den Ausbau des Spitzel- und Überwachungssystems in den Grenztruppen, um Fahnenfluchten möglichst schon im Planungsstadium zu verhindern. Zum anderen durch die gezielte „operative Bearbeitung“ vieler in den Westen gelangter Deserteure. Ziel: Sie als informelle Mitarbeiter (IM) zu gewinnen oder durch Druck zur Rückkehr in die DDR zu bewegen, um sie „ihrer gerechten Strafe“ zuzuführen.    
Die Erfolgsaussichten werden in der Analyse allerdings als zunehmend schlechter eingeschätzt.  Zwar sei die Zahl der geflüchteten NVA-Angehörigen 1972  im Vergleich zu 1969, 1970 und 1971 um die Hälfte auf 32 zurückgegangen. Doch stellt der Autor „eine ansteigende Tendenz im Grad der Gesellschaftsgefährlichkeit“ der Fahnenfluchten fest, die sich darin zeigt, dass der Anteil der „besonders schweren Fälle“ (Offiziere, Gruppenfluchten und Gewaltanwendungen) von 26,5 Prozent im Jahr 1969 auf 55 Prozent 1972 gestiegen sei.
Die wachsende „Gesellschaftsgefährlichkeit“ sieht Heckel auch dadurch gegeben,  dass die Zahl der fahnenflüchtigen inoffiziellen Mitarbeiter des MfS in den Grenztruppen angestiegen sei: Von 1969 bis 1972 seien insgesamt 13 inoffizielle Kräfte fahnenflüchtig geworden, „die zum Teil über erhebliche Kenntnisse bezüglich der Arbeitsweise, des Einsatzes der Kräfte und Mittel als auch der Methoden des MfS verfügen“.
Heckel zieht die Schlussfolgerung: „Da sich die Mehrzahl der Täter sowohl über Tragweite und Auswirkungen ihrer Handlungen als auch ihrer strafrechtlichen Verantwortlichkeit völlig im klaren ist“, seien „zwangsläufig  geringere Chancen  für eine operative  Bearbeitung mit dem Ziel der  operativen Nutzung gegeben“. Von den 220 Fahnenflüchtigen der Jahre 1969 bis 1972  seien  39 „aktiv operativ bearbeitet“ worden. Bemerkenswert: Zehn davon konnten laut  Analyse „für die operative Nutzung gewonnen“ werden. Allerdings werden keine näheren Angaben dazu gemacht.
Das Problem der Desertion beschäftigte das MfS und die NVA-Führung bis zur Wende. Die letzte „Analyse ausgewählter Komplexe zum Fahnenfluchtgeschehen“ stammt vom 30. Juni 1989. Danach gelang vom 1.1.1983 bis 30.4.1989 trotz nicht mehr weiter zu perfektionierender Grenzsperren immerhin noch 94 Grenzsoldaten die Flucht. Jeder zweite Entschluss sei „spontan und anlassbedingt“ gefasst worden, doch wird festgestellt, dass die Tendenz zur Planung „ansteigend“ sei, was 1989 „besonders deutlich“ werde.  
Als Motive für  Fahnenflucht nennt diese letzte Analyse „eine mangelhaft ausgeprägte bis fehlende politische Bindung an die DDR“. Hinzu kommen Eigenschaften wie Labilität, leichte Beeinflussbarkeit, Abenteuerlust, aber auch Konflikte in den Partnerbeziehungen sowie dienstliche Probleme. Aufschlussreich das Eingeständnis, dass im untersuchten Zeitraum 1983 bis1989 trotz der zahlreichen IMs in der Grenztruppe dem MfS nur in einem Fall „ein direkter Hinweis auf eine mögliche Fahnenflucht vor deren Realisierung“ gegeben wurde.  
Die Analyse vom Sommer 1989 stellt schließlich fest, dass etwa 70 Prozent der Fahnenflüchtigen „keinerlei ernsthafte Probleme bei der Integration in das berufliche und gesellschaftliche Leben“ der Bundesrepublik hätten. Bei einem Viertel der Fahnenflüchtigen verlaufe der Integrationsprozess widersprüchlich, davon lebten 10 Prozent  in einer permanenten Konfliktsituation. Hier wollte das MfS mit verstärkter „operativer Bearbeitung“ ansetzen, doch dazu kam es nicht mehr.

 
Mein erster Tag an der Grenze PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Montag, den 25. Juli 2011 um 19:24 Uhr

Zum 50.Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 2011

Mein erstes Bild von der Grenze war der Stacheldrahtverhau, der Steinstücken seit dem 13. August einschloss. Es war eine stille Nacht, feucht vom Regen. An glänzenden Drähten hingen dicke Tropfen. Die Drähte wirkten im Mondlicht unecht wie ein kristallisiertes Ornament. Der glatt geharkte Streifen davor, der Spuren von "Grenzverletzern" kenntlich machen sollte, erinnerte an die Aschenbahn eines Stadions.  

Die Wirklichkeit hatte ich gleich bei meiner Ankunft in der 12.Grenzkompanie an der Potsdamer Steinstraße kennen gelernt. Mehrere bei einem  Fluchtversuch gestellte junge Leute mussten sich an einer Barackenwand aufstellen und die Hände in den Nacken nehmen. Vier Posten, die russische Kalaschnikow im Anschlag, bewachten sie vor ihrem Abtransport. Ihre Gesichter sahen verängstigt aus. Keiner durfte mit ihnen reden. Das Bild wollte mir bei meinem ersten Postendienst nicht aus dem Kopf und ich fragte mich, wie ich reagieren würde, wenn wir auf Flüchtlinge stießen. Der Befehl des Kompaniechefs lautete „Grenzverletzungen durch Agenten, Spione, Terroristen unter allen Umständen verhindern: Anruf, Warnschuss, Zielschuss!“
Der Postenführer, ein schweigsamer und schwer zu durchschauender Endzwanziger, unterbrach meine Gedanken: "Dort", sagte er und deutete auf ein Gasthaus in Steinstücken, "haben wir uns bisher Westzigaretten besorgt. Das ist jetzt aus.“ Bis zum 13.August waren die Grenzer von dem Steinstückener Gastwirt gut versorgt worden. Er gab öfter mal Bier und Essen aus, steckte den jungen Soldaten Schokolade oder Bananen zu. Das geschah heimlich, aber es war doch eine gewisse nachbarschaftliche Normalität, obwohl Steinstücken seit 1949 eine „kapitalistische Enklave“ war: ein kleines Stück West-Berlin auf DDR-Gebiet, unmittelbar an Potsdam angrenzend und mit dem Ortsteil Kohlhasenbrück in Wannsee durch eine Straße verbunden.  
Jetzt war die bisherige Verbindungsstraße aufgerissen und mit Stacheldraht gesperrt. Die Steinstückener mussten einen anderthalb Kilometer langen und gut bewachten  Waldweg benutzen, wenn sie zur Arbeit nach West-Berlin wollten. Sie wurden zweimal kontrolliert: Beim Verlassen ihrer kleinen Insel und dann noch einmal an der Grenze zu West-Berlin. Der dort eingerichtete „Kontrollpunkt Kohlhasenbrück“ bestand aus einem Schlagbaum und einem kleinen gemauerten Wachhäuschen. Besucher, selbst Verwandte, wurden nach dem 13.August nicht mehr nach Steinstücken durchgelassen, nur die Feuerwehr durfte im Notfall noch passieren.
Die Stimmung bei den über Nacht völlig isolierten rund 200 Bewohnern Steinstückens war seit dem 13. August mies. Weniger zu ihrem Schutz, sondern als demonstrative Geste hatte die US-Army vier Soldaten in der West-Berliner Exklave stationiert, die mit dem Hubschrauber eingeflogen wurden und der Kompanieführung ein Dorn im Auge waren. Jede Kontaktaufnahme mit den „imperialistischen Söldnern“ war uns strengstens untersagt. Es handele sich um „gefährliche, im Nahkampf ausgebildete US-Ranger“ die vor nichts zurück schrecken würden. Wir müssten mit Provokationen rechnen, ja sogar Entführungsversuchen, hatte der der Kompaniechef uns Neuankömmlinge gewarnt.  
„Die tauchen jeden Abend hier auf“, sagte mein Postenführer. Und tatsächlich ließen sie nicht lange auf sich warten. Die drei US-Soldaten unterhielten sich laut, grüßten lässig und ich nickte zurück - ein Reflex. Der Postenführer sah das, stieß mir seine MPi in die Hüfte und zischte: "Wenn das noch mal vorkommt, mache ich Meldung." Bis dahin hatte ich mich ganz gut mit ihm verstanden, nun wollte ich vorsichtiger sein.
Die US-Soldaten gingen am Stacheldraht-Zaun vorbei, der links und rechts bis an den Weg heranreichte, und kamen geradewegs auf uns zu. Wir waren angewiesen worden, sie in einem solchen Fall am Betreten des Grenzgebietes der DDR zu hindern. Der Postenführer rief irritiert „Stopp“, riss nervös seine Maschinenpistole von der Schulter und entsicherte sie. Auf sein Geheiß tat ich das gleiche. Die Amis, jetzt nur noch drei oder vier Meter von uns entfernt, grinsten. Einer streckte uns die Hand mit einer Packung Zigaretten entgegen. Der Postenführer richtete seine Waffe auf den dunkelhäutigen Soldaten. Nach vielleicht 30 Sekunden, die mir wie Minuten erschienen, machten sie kehrt und gingen langsam und laut lachend nach Steinstücken, auf West-Berliner Gebiet, zurück. 
Eigentlich wäre es ganz einfach ihnen jetzt zu folgen, schoss es mir durch den Kopf. Die Amis würden Flüchtlinge mit ihrem Hubschrauber nach West-Berlin ausfliegen, hatte mir ein Soldat erzählt. Aber das Risiko schien mir zu groß. Selbst wenn der Postenführer nicht auf mich schießen würde oder es mir gelänge, ihn vorher außer Gefecht zu setzen, könnte der Kompaniechef mit 20 oder 30 schwer bewaffneten Soldaten nach Steinstücken einmarschieren und mich mit Gewalt herausholen. Das hatte er „Verrätern“ jedenfalls angedroht - und ich hielt in diesen unruhigen Tagen alles für möglich. Die Kompanieführung war nervös, wenige Tage zuvor waren wieder zwei Grenzsoldaten geflüchtet. Wegen der gehäuften Desertationen hatte der Brigade-Stab eine gründliche Untersuchung angeordnet. Es hieß, dass ein großer Teil der Soldaten und Offiziere ausgewechselt werden solle. Ich war überrascht, wie labil die Situation in der Kompanie Drewitz-West war.     
Dass ich die erste Gelegenheit zur Flucht nutzen würde, stand für mich seit meiner Rekrutierung fest. Um die Grenzsperren zu bewachen, wurden unmittelbar nach dem 13. August Hals über Kopf  tausende junge Männer im Schnellverfahren eingezogen. Fast ausnahmslos FDJ-Mitglieder, von denen man sich politische Zuverlässigkeit versprach. Ich war an jenem Schicksals-Sonntag erst ein paar Monate Jungredakteur beim Ost-Berliner Verlag „Junge Welt“, der im Auftrag der FDJ zahlreiche Kinder- und Jugendzeitschriften heraus gab. Man hatte mich zum so genannten 4. Pioniertreffen, einem Aufmarsch der Kinderorganisation, nach Erfurt entsandt. Als ich morgens im Pressebüro erschien, begrüßten mich einige Jugendfunktionäre, als ob eine revolutionäre Schlacht gewonnen worden wäre: „Endlich.Wir hätten die Grenze schon längst dicht machen sollen“ und „Wir zeigen es denen, jetzt ist es vorbei mit der Ausplünderung der DDR“.
Ich bekam den Auftrag, zustimmende Erklärungen von Erfurtern zu besorgen, die am nächsten Tag veröffentlicht werden sollten. Am Hauptbahnhof stieß ich auf eine größere  Menschenansammlung.Viele machten ihrem Ärger Luft, weil keine Fahrkarten nach Ost-Berlin verkauft wurden. Polizisten versuchten, die Menschen zum Verlassen des Gebäudes zu bewegen. Eine Frau weinte: Sie wollte ihre Tochter in West-Berlin besuchen. Andere fürchteten, dass es jetzt zum Krieg kommen werde: „Das wird der Westen nicht hinnehmen.“ Die Menschen waren aufgewühlt, ich traf nur zwei Parteigenossen, die die Abriegelung der Grenze begrüßten.
Weil der Leiter des Pressebüros mit meiner dürftigen Ausbeute nicht zufrieden war, formulierte er eiligst selbst die Abriegelung gutheißende Erklärungen und setzte erfundene Namen und Berufe darunter. Sie wurden veröffentlicht. Abends sagte mir ein Funktionär des Verlages „Junge Welt“: „Wir sind informiert worden, dass 20 000 Soldaten zur Sicherung des antifaschistischen Schutzwalls benötigt werden. Ich habe Dich auf die Liste gesetzt. Halte Dich auf Abruf bereit.“ Als ich die Bereitschaftserklärung unterzeichnete, wusste ich, dass die Unterschrift bestimmend für mein weiteres Leben und vielleicht auch für das Schicksal anderer sein würde.
Schon ein paar Tage nach meinem ersten Dienst stand ich morgens wieder an der Straße  vor Steinstücken. Der Postenführer wies mich an, von den zur Arbeit nach West-Berlin fahrenden  Steinstückenern  Namen und Wohnung festzustellen. „Keine Diskussionen, keine Gespräche!“ Das erste Auto war ein kleiner blauer Wagen. Der Fahrer hielt kurz seinen Ausweis an die Scheibe und wollte weiterfahren. "Drehen Sie bitte die Scheibe herunter und geben Sie mir Ihren Ausweis zur Kontrolle", sagte ich.Nur ein kleines Stück senkte sich das Glas, aber der Ausweis erschien nicht.  
„Das wird ja hier immer schlimmer. Ich werde mich bei unseren Alliierten beschweren. Ich brauche meinen Ausweis nicht aus der Hand zu geben.“ Plötzlich legte der Fahrer den Gang ein. Der Postenführer sprang vors Auto und richtete seine entsicherte Maschinenpistole auf das Fahrzeug. "Machen Sie keine Faxen, Mann!" Nun drückte mir der Fahrer seinen Ausweis in die Hand. „Prof. Dr. Johannes Niemeyer“ las ich. Unsere Blicke trafen sich, ich sah ein feines Gesicht. Schnell überflog ich den Ausweis und gab ihn zurück. Was mag der Mann denken? Ich beschloss, mich später bei ihm zu entschuldigen. Aber wann würde das sein?
Viel Zeit hatte ich nicht mehr, der Ausbau der Grenzanlagen schritt schnell voran. Ich hatte zunächst angenommen, dass man es bei einem zwei Meter hohen Stacheldrahtzaun belassen würde. Inzwischen wurden aber ein zweiter und dritter Stacheldrahtzaun mit Betonpfählen errichtet. Zwischen dem ersten und dem zweiten Zaun lagen überkreuzte Holzbalken, die mit Stacheldraht bespannt waren, sogenannte „Spanische Reiter“, so dass selbst ein gewaltsam durchbrechender Lastwagen darin hängen bleiben musste. Ich hatte Sorge, dass ich den besten Zeitpunkt für eine sichere Flucht verpassen würde. Niemand sollte zu Schaden kommen.
Heiligabend 1961, mehr als vier Monate nach der Abriegelung der Grenze, war die Stimmung in der Kompanie auf dem absoluten Tiefpunkt. Urlaubssperre, schlechte Verpflegung, eisige Kälte und Mangel an warmen Mänteln und Jacken. Viele Soldaten hatten Heimweh. Die Lethargie war groß und so sprach ich morgens mit einem Kameraden beim Kompanieführer vor: Er stimmte unserem Vorschlag sofort zu, zur Verbesserung der Stimmung spontan eine Weihnachtsfeier zu organisieren. Wir fällten im Wald eine Kiefer, kauften im Konsum in Babelsberg den restlichen noch vorhandenen  Weihnachtsschmuck auf. Abends packten wir die Päckchen aus, die wir von zu Hause erhalten hatten, und legten das von unseren Familien gebackene Gebäck und andere Leckereien auf den Tisch. Jeder konnte sich bedienen. Dazu lief Weihnachtsmusik.   
Die eigentliche „Bescherung“ fand für mich gegen 21 Uhr: Weil Weihnachten war, zog die  Kompanieführung die „Vergatterung“ für den Dienst am nächsten Morgen um Stunden vor, nicht ahnend, was sie mir damit für ein Geschenk bereitete: Ich sollte zum ersten Mal am Kontrollpunkt Kohlhasenbrück stehen, direkt an der Grenze zu West-Berlin. Am Schlagbaum an dem alle Bewohner Steinstückens bei der Ein- und Ausfahrt kontrolliert und Unberechtigte abgewiesen wurden. Eine bessere Gelegenheit zur Flucht würde es nicht geben. Ich war aufgeregt und packte Ausweise und andere wichtige Dokumente, die ich mitnehmen wollte,  in meine Uniformjacke, was eigentlich verboten war. An Schlaf konnte ich in dieser Weihnachtsnacht nicht zu denken. 
Mir war warm als ich am Weihnachtsmorgen um fünf Uhr vom Lastwagen sprang und mit dem Postenführer zum winzigen Kontrollhäuschen schritt. Es hatte ein wenig geschneit und war eisig kalt. Aus dem Wald drang kein Laut, er wirkte märchenhaft, wenn da nicht der von grellen Laternen beleuchtete Schlagbaum und die Stacheldrahtzäune links und rechts des Weges gewesen wären. Der Postenführer teilte mich für die erste Stunde zur Kontrolle am Schlagbaum ein, er  übernahm die darauffolgende. Um sieben Uhr ging ich wieder nach draußen, der Postenführer zog sich ins warme Häuschen zurück..
Wenig später kamen, von mir erwartet, die links vom Kontrollpunkt Streife laufenden Soldaten zum Schlagbaum. Mit dem Postenführer, einem Kameraden, hatte ich mich Heiligabend abgesprochen: Wir wollten gemeinsam flüchten. Wie besprochen schickte er seinen Posten zum Aufwärmen in das Kontrollhäuschen, was eigentlich streng verboten war. Wir standen allein am Schlagbaum, unterhielten uns laut: Um nicht den Argwohn der  beiden Soldaten zu erregen zeigten wir uns wiederholt am Fenster.  
Wir hätten die Straße  nach West-Berlin einfach hinunter laufen können. Aber das Risiko wäre groß gewesen, in das Schussfeld der beiden Soldaten oder einer hin und her pendelnden Kontrollstreife zu geraten. Der Schlagbaum befand ich etwa 80 Meter von der Grenzlinie entfernt. Die Straße war grell beleuchtet und von allen Seiten gut einsehbar.
Deshalb hatten wir uns schon Heiligabend entschlossen, abseits vom Kontrollpunkt im Dunklen über den Stachelverhau zu klettern.
So schlenderte erst mein Kamerad von der Straße weg am Stacheldrahtzaun entlang, als ob er etwas kontrollieren wollte. Ich zeigte mich ein letztes mal vor dem Fenster des Kontrollhäuschens: die beiden Soldaten unterhielten sich  Langsam folgte ich meinem Kameraden. Alles blieb ruhig. Als wir meinten uns weit genug vom Häuschen entfernt zu haben kletterten wir über die Zäune. Warum ich meinen sowjetischen Karabiner „S“ mit 60 Schuss Munition mitschleppte, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben. Selbst wenn Soldaten auf uns geschossen hätten, hätte ich nicht zurück geschossen. 
Wir hatten West-Berlin noch nicht erreicht, als ich auch aus dem Augenwinkeln wahrnahm, wie sich eine Unteroffiziers-Streife dem Kontrollpunkt  näherte. Zu spät! 
Wir rannten unter einer Brücke hindurch, rissen die Tür zu einem kleinen Wachhäuschen der Berliner Polizei auf und stürmten hinein. Die beiden  Polizisten, die Weihnachtsmusik hörten und Kaffee tranken, erschraken heftig und sprangen auf.  Später gestand einer lachend, er habe angesichts meines Karabiners für eine Sekunde geglaubt „die Russen kommen“. Obwohl ich mich freute, wie glatt alles gegangen war, zitterten mir die Knie. "Das ist immer so, wenn man es geschafft hat", beruhigte ein Polizist.
Einige Monate nach meiner Flucht rief ich Niemeyer in Steinstücken an. Ich war gespannt, wie er reagieren würde. Er hatte die Episode am Kontrollpunkt nicht vergessen und war tief gerührt. Bei einem Essen im China-Restaurant feierten wir bald darauf meine Flucht.

Fotos oben: Michael Mara als Grenzsoldat und die Grenze bei Steinstücken Ende 1961


Michael Mara, Vortrag bei der Eröffnung des
Mauermuseums 1963 in Berllin

Michael Mara 1963, Vortrag in Berliner Siemens-Schule

Originaltextet Zum Bild: Deutsche Presse Agentur 1963: Ehemalige Volkspolizisten berichten in Berliner Schulen
Eine besondere Aktualisierung des Unterrichts in den Berliner Schulen in Bezug auf Gegenwartsgeschichte wird davon erwartet, das geflohene Volkspolizisten und Grenzpolizisten der Zone in den Schulen über das Leben hinter Stacheldraht und Mauer berichten. Am Donnerstag vormittag, 21.11.1963, sprach erstmalig ein ehemaliger Volkspolizist in der Siemens-Schule in Berlin Spandau. Es haben bisher schon mehr als zehn Schulen um solche Besuche von ehemaligen Grenzwächtern gebeten. Mit diesen Vorträgen soll erreicht werden, das die Jugend die opferreiche Tragik der deutschen Teilung begreift, aber auch, dass sie keine Kollektivverurteilungen begeht und lernt richtig durch die Uniform hindurchzuschauen. Unser Bild zeigt einen ehemaligen Volkspolizisten der Sowjetzone während seines Vortrages in der Siemens-Schule in Berlin-Spandau.

 
Potsdamer Nischen-Journalismus PDF Druckbutton anzeigen? E-Mail
Sonntag, den 10. April 2011 um 07:32 Uhr

60 Jahre Potsdamer Neueste Nachrichten

Was viele nicht wissen: Die PNN, zu DDR-Zeiten „Brandenburgische Neueste Nachrichten“ (BNN), ist vor der Wende auch sehr aufmerksam im Westen gelesen worden. Aus beruflichen Gründen auch vom Autor dieser Zeilen, der auf der anderen Seite der Mauer vielleicht der einzige war, der die BNN über ein Vierteljahrhundert regelmäßig gelesen hat. Und der ihre Wandlung vom mickrigen Blättchen einer im Fahrwasser der SED schwimmenden „Blockpartei“ zu einer freien und unabhängigen Qualitäts-Zeitung nicht nur mit einigem Abstand aus dem Westen mit verfolgen, sondern nach dem Fall der Mauer als Journalist persönlich auch aktiv begleiten konnte.

Aber der Reihe nach:
Erstmals in der Hand hatte ich das dünne Blättchen im Sommer 1964. Damals fing ich als junger Redakteur beim Informationsbüro West (IWE) in West-Berlin an. Das IWE wertete im Auftrag des gesamtdeutschen und später innerdeutschen Ministeriums die gesamte DDR-Presse aus und veröffentlichte die interessantesten News in einem täglich erscheinenden Pressedienst. Sie wurden von vielen westlichen Medien weiter verbreitet. Auf diese Weise sollte zur besseren Information über Entwicklungen und Stimmungen im Osten Deutschlands sowie über lokale Ereignisse beigetragen und das Zusammengehörigkeitsgefühl mit den Deutschen im Osten gestärkt werden.
Allerdings war es nicht einfach, an die Lokalzeitungen heranzukommen. Die DDR lieferte zwar gegen harte Devisen „Neues Deutschland“, „Junge Welt“, „Tribüne“ und die anderen in der „Hauptstadt der DDR“ erscheinenden zentralen Zeitungen sowie auch die meisten Zeitschriften an einen darauf spezialisierten Zeitungsvertrieb in West-Berlin. Doch die Lokalzeitungen konnte man auf diesem offiziellen Weg nicht beziehen. Gründe für die Ausfuhrsperre, die übrigens bis zur Wende bestehen blieb, wurden offiziell nie genannt. Doch liegt die Vermutung nahe: Die SED wollte verhindern, dass Informationen aus den Lokalblättern im Westen gesammelt werden konnten.
Allerdings verhinderte sie auch nicht, dass die Militärmissionen der westlichen Alliierten in Potsdam die Lokalzeitungen beziehen konnten, die davon auch Gebrach machten. Denn auch die Amerikaner, Franzosen und Engländer hatten ein Interesse daran, sich ein möglichst genaues Bild von der Lage im Osten Deutschlands zu machen. Über den nur für sie zugelassenen Grenzübergang an der Glienicker Brücke gelangten die Lokalzeitungen dann über viele Jahre zum Informationsbüro West.
Meine Aufgabe als Redakteur beim IWE bestand darin, die Provinzpresse auf wenn schon nichts Sensationelles so doch wenigstens auf Meldenswertes zu durchforsten und journalistisch zu verarbeiten, ein recht mühseliges Unterfangen. Immerhin erschienen rund 50 sogenannte Bezirkszeitungen der SED sowie der Blockparteien NDPD, LDPD und CDU, hinzu kamen noch rund 200 Kreisausgaben der SED-Blätter, alles in allem also eine gehörige Papierflut, die täglich bewältigt werden musste. Angesichts der von der SED verlangten Hofberichterstattung und der meist langweilig und kritiklos geschriebenen Berichte über die sozialistischen Erfolge vor Ort eine ermüdende Lektüre ohne jeden Lustfaktor.
Dennoch fanden sich auf den Lokalseiten auch immer wieder aufschlussreiche Hinweise auf örtliche Vorgänge und Entwicklungen, auf Versorgungsengpässe, Umweltprobleme, Bauvorhaben, Straftaten und ähnliches, die zentral nicht vermeldet wurden, aber auch auf Stimmungen in der Bevölkerung. Auch wenn man manches nur zwischen den Zeilen herauslesen konnte und kritische Leserbriefe entschärft wurden, hatten die Lokalblätter wohl auch eine Ventilfunktion, was ebenfalls erklärt, warum sie auf Geheiß der SED offiziell nicht in den Westen ausgeführt werden durften – trotz knapper Devisen. Bemerkenswert ist noch ein anderer Aspekt: Trotz ideologischer Gleichschaltung – quasi die gesamte zentrale politische Berichterstattung erfolgte auch in den Bezirkszeitungen der sogenannten Blockparteien durch die streng kontrollierte staatliche Nachrichtenagentur ADN – existierten durchaus qualitative Unterschiede zwischen den einzelnen Lokalblättern. Diese hatten zum einen wohl mit dem persönlichen Anspruch der Journalisten und ihrem Mut zu tun, minimale Spielräume zu nutzen, aber auch mit der Rolle der jeweiligen SED-Provinzfürsten und dem vom lokalen Überwachungsapparat ausgehenden Druck auf die Redaktionen. Es ist eine Tatsache: Dort wo die schlimmsten Hardliner unter den SED-Provinzfürsten das Sagen hatten, erschienen die am wenigsten lesbaren Lokalblätter.
Das führte dazu, dass wir die Zeitungen nach einer Rangliste abarbeiteten: Ich sortierte die Zeitungen morgens auf meinem Schreibtisch so, dass die erfahrungsgemäß langweiligsten und unergiebigsten ganz unten lagen: vor allem die SED-Bezirkszeitungen „Neuer Tag“ (Frankfurt/Oder), „Volkswacht“ (Gera) und „Freies Wort“ (Suhl), die ich zuallerletzt lesen wollte. Ganz oben lagen die SED-Blätter „Sächsische Zeitung“ (Dresden) und „Leipziger Volkszeitung“ (Leipzig), die vor allem in den letzten Jahren vor der Wende kritischer als andere zum Beispiel über Umweltprobleme berichteten und zu den vom IWE meist zitierten gehörten.
Und die „Brandenburgischen Neuesten Nachrichten“? Auch sie standen auf der Prioritätenliste im oberen Teil: Das Blatt war zwar wie auch alle übrigen Bezirkszeitungen der Blockparteien mit nur wenigen Seiten Umfang ziemlich mickrig, weil die SED das Papier für die ihr nicht gehörenden Zeitungen streng kontingentierte. Aber dafür fanden sich im lokalen Teil zum Beispiel auch für den westlichen Leser informative Berichte über die Denkmalpflege in Sanssouci und in der barocken Innenstadt, aus denen wir zitierten.
Die BNN wie auch andere nicht der SED gehörende Zeitungen pflegten eine Art Nischen-Journalismus: Sie widmeten sich sehr speziellen lokalen und politisch unverfänglichen Themen, was den von SED-Propaganda überfütterten Lesern entgegen kam. Das unterschied die BNN zum Beispiel auch von der ebenfalls in Potsdam erscheinenden SED-Zeitung „Märkische Volksstimme“.
Einmal konnte ich es mir allerdings nicht verkneifen, einen klarstellenden Leserbrief an den Chefredakteur der BNN zu schreiben. Der Grund: Die Zeitung hatte die in der DDR eingeführte kostenlose Schutzimpfung gegen Grippe als sozialistische Errungenschaft dargestellt, denn im kapitalistischen Deutschland müssten die Menschen dafür zahlen. Ich schrieb dem Chefredakteur unter meiner privaten Adresse, dass der Autor schlecht informiert sei und meine Krankenkasse seit Jahren die Kosten für die Schutzimpfung übernehme. Ich bat um Richtigstellung – sie erschien nicht, auch eine Antwort habe ich nicht erhalten. Wahrscheinlich hat die Stasi den Brief abgefangen.
Überhaupt verfolgte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) die sich auf die Bezirkspresse stützende Berichterstattung des IWE über lokale Entwicklungen in der DDR über Jahrzehnte mit Argusaugen. Unter meinen über 20-bändigen Stasi-Akten findet sich ein ganzer Ordner, in dem die von westlichen Medien abgedruckten IWE-Nachrichten, aber auch viele meiner im „Tagesspiegel“ veröffentlichten Berichte und Analysen zu DDR-Themen fein säuberlich abgelegt wurden. Und es gibt zahlreiche von der Stasi veranlasste „Überprüfungen zu Presseveröffentlichungen in Berlin-West“, mit denen festgestellt werden sollte, ob die dargestellten Vorgänge tatsächlich aus der jeweils angegebenen Zeitung stammten oder ob es „andere Quellen“ gab.
Typisch ist eine Überprüfungsmeldung einer Bezirksverwaltung für Staatssicherheit an die Hauptabteilung VII des Ministeriums für Staatssicherheit vom 17. August 1981:
Die vom „Tagesspiegel“ am 12. Juli 1981 veröffentliche Nachricht über Rechtsverstöße in Verkaufsstellen des Konsums und der HO (Handelsorganisation der DDR, d. Red.) entspreche „sachlich den Tatsachen“ und sei aus der Lokalzeitung übernommen worden. Es gebe keine Hinweise „auf andere Informationsquellen“. Vereinzelt mussten verantwortliche Redakteure im Rahmen der Quellen-Überprüfung auch „Erklärungen“ zu ihren Artikeln abgeben. Öfter verlangte auch das Zentralkomitee (ZK) der SED in Berlin Aufklärung, wie bestimmte Informationen in Westmedien gelangen konnten.
Diese ziemlich aufwändige Überprüfungspraxis spricht übrigens dafür, dass es weder beim Ministerium für Staatssicherheit noch beim ZK der SED eine zentrale Stelle gab, die die Bezirkspresse systematisch durchforstete und archivierte. Umso aufmerksamer verfolgte man die Veröffentlichungen in den West-Medien. Erst über diesen Umweg wurden die eigenen Veröffentlichungen Überprüfungen unterzogen. Letztlich wird daran deutlich, dass die Lokalberichterstattung für SED und Stasi von besonderer Sensibilität war, was auch die Grenzen der Provinz-Redaktionen deutlich macht.
Etwas verwunderlich ist, warum die BNN wie auch die meisten anderen lokalen Blätter der „Blockparteien“ erst relativ spät auf den Überdruck in der DDR im Jahr der friedlichen Revolution mit eigener kritischer und offensiver Berichterstattung reagierten. Zunächst schienen sie, jedenfalls für den westlichen Beobachter, in einer merkwürdigen Abwartehaltung zu verharren, was sich im Herbst 1989 erst allmählich änderte. Hier wirkte sich vermutlich auch die jahrzehntelang antrainierte Vorsicht aus.
Dann fiel die Mauer und alles ging sehr schnell. Der „Tagesspiegel“ schickte mich Anfang 1990 als ersten ständigen Korrespondenten aus dem Westen nach Potsdam, wo ich ein kleines provisorisches Büro hinter der evangelischen Buchhandlung im Holländischen Viertel einrichtete. Telefon gab es nicht, ich schleppte am Tragegürtel ein mächtiges Funktelefon mit mir herum, das aber in Potsdam kaum Empfang hatte. Um meine Berichte an die Redaktion in Berlin durchgeben zu können, musste ich jedes Mal zur Glienicker Brücke fahren.
Die DDR und der alte Apparat existierten noch, ich war plötzlich mittendrin im Umbruch und für manche Kollegen der BNN wie auch der in Potsdam erscheinenden SED-Zeitung, die ich auf den immer seltener werdenden Pressekonferenzen der alten Stadt- und Bezirksverwaltung traf, wohl zunächst auch so etwas wie ein Exot. Ich erlebte nun live mit, wie die mir vom Lesen wohlbekannte BNN die alten Fesseln abstreifte und sich „freischwamm“, zunächst ein durchaus widersprüchlicher Prozess.
Nach den ersten freien Kommunalwahlen im Mai 1990 und der Abwahl des SED-Oberbürgermeisters berichtete ich im „Tagesspiegel“ über die geplante Großinvestition eines kanadischen Unternehmens in der herunter gewirtschafteten Stadt. Die Information hatte ich von einem neugewählten Stadtrat bekommen. Prompt erschien am nächsten Tag in der BNN der Kommentar eines zu ihrem Urgestein zählenden Redakteurs, in dem dieser sich darüber mokierte, dass die Information aus dem Rathaus zuerst „an eine Westzeitung“ gegangen sei.
Nun ja, das Ost-West-Problem löste sich dann sehr schnell, denn bald darauf erwarb der Tagesspiegel die BNN, die nun Potsdamer Neueste Nachrichten hieß, und ich wurde als gemeinsamer Landeskorrespondent selbst ein Teil dieser Zeitung. Und ich konnte erleben, wie die PNN-Redakteure sehr schnell lernten, sich Informationen exklusiv zu beschaffen und auf dem neuen Zeitungsmarkt zu behaupten.

 


Michael Mara (r.) – hier Anfang der 1990er Jahre mit dem damaligen SPD-Bundesvorsitzenden und Kanzlerkandidaten Björn Engholm (2.v.l.), Brandenburgs Regierungschef Manfred Stolpe (l.) und Stiftungs-Generaldirektor Hans-Joachim Giersberg – war 17 Jahre Landeskorrespondent des „Tagesspiegel“ in Brandenburg. Er wurde in Posen geboren, wuchs in Halberstadt auf. Seit 1963 beobachtete er die Entwicklungen in der DDR von West-Berlin aus, beim „Informationsbüro West“, dem Informationsdienst des innerdeutschen Ministeriums. Ab 1969 war er dort Chefredakteur; als freier Mitarbeiter schrieb er für den „Tagesspiegel“ und eine Reihe westdeutscher Zeitungen. In den Westen gelangt war er 1961 zu Weihnachten über die Grenze bei Babelsberg, die er als Angehöriger der Grenztruppe bewachen sollte.

 


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